Eingeackerter Spargel, verfaulende Erdbeeren …

Trotz viel Idealismus und Hilfsbereitschaft unabwendbar?

Mit diesem Beitrag möchte ich einen ersten Überblick über die aktuelle Lage geben, wie ich sie in meiner derzeitigen Tätigkeit erlebe. Gleichzeitig will ich euch damit einladen mir eure Sicht der Dinge mitzuteilen, mit mir in Austausch und Diskurs zu treten. Ich möchte viele verschiedene und kontroversielle Sichtweisen kennenlernen und Antworten auf zahlreiche Fragen und Zusammenhänge finden.

Beginnen wir also mit einer Erklärung zur aktuellen Faktenlage aus meiner Sicht.

Rund 7.000 Freiwillige haben sich auf der Plattform dielebensmittelhelfer.at registriert und wollen der heimischen Landwirtschaft helfen. Bis zu 15.000 Saisoniers aus Rumänien, Polen, der Ukraine und anderen Ländern fehlen heuer, da sie corona-bedingt nicht nach Österreich reisen dürfen. Fast jeder größere Gemüsebauer hat außerdem über eigenen Websites angefangen Helferinnen und Helfer zu suchen. Die Resonanz ist auch dabei groß und auf den ersten Blick wirkt das alles erfreulich. Die Realität zeigt aber ganz schnell ein anderes Gesicht. Es ist eine Tatsache, dass gut gemeint noch lange nicht gut geholfen ist.

Viele Gemüsebauern, allen voran jetzt viele Spargelbauern, werden heuer nur einen kleinen Teil – vielleicht 30 bis 40 % – ihrer Ernte einbringen können, wenn ihre langjährigen Erntehelfer aus Osteuropa weiter ausbleiben. Selbst viel guter Wille und Idealismus kann das nicht verhindern. Der wirtschaftliche Schaden für die Bauern ist enorm – ähnlich wie bei Frost oder Dauerregen und Kälte im Mai. Nur der emotionale Stress ist noch schlimmer, denn heuer müssen sie ihre Ernte selbst vernichten: einackern und am Feld verrotten lassen.

Warum es nicht möglich sein wird die Ernte reinzuholen?
Die wichtigsten Fakten im Überblick:

Körperlicher Extremeinsatz: Die Bandbreite der freiwilligen Helfer ist groß – vor allem um das erste Feingemüse des Frühlings aus dem Boden zu holen. Viele melden sich zum Spargelstechen – von Gartenbaumitarbeitern, die von der körperlichen Arbeit her wissen was auf sie zukommt, über Studenten, Künstler, Köche und Kellner bis hin zu Verkäufern. Sie alle sind motiviert und interessiert, aber körperlich nicht auf das vorbereitet was sie erwartet: Stundenlange gebückte Haltung, schwere Erntekörbe, kräftiger Wind, Kälte am Morgen und dann tagsüber die pralle Sonne.

Verlässliche Planbarkeit der Arbeit: Vielen Freiwilligen, die sich melden oder auf der Plattform eintragen, ist nicht bewusst, dass Vollzeit und ein echtes Commitment für einige Wochen sowie tägliches Erscheinen zum „Dienst“ wichtige Kriterien sind. Die Spargelbauern brauchen verlässliche Vollzeitkräfte, auf die sie täglich zählen können und die sie in fixe Partien einteilen können. Die warme Erde bringt ohne Stopp jeden Tag 10 cm Wachstum an frischen Stangen – heißt die Ressourcenplanung eines Spargelbauern sieht vor, dass jede Reihe nach 24 h wieder auf’s Neue dran ist.

Damit ist also gerade bei der Ernte von Spargel – aber auch bei anderen rasch wachsenden Feingemüsearten wie Radieschen, Rhabarber & Co – der Erntedruck enorm hoch. Die reife Frucht muss an diesem Tag geerntet werden – Aufschub nicht möglich. Am nächsten Tag ist sie unverkäuflich, da ausgewachsen und verfärbt (Bleichspargel), holzig und nicht mehr scharf-würzig (Radieschen) oder einfach überreif und matschig (Erdbeeren).

Übung gegen das hohe Risiko der Beschädigung: Das Handwerk, den weißen Bleichspargel aus der Erde zu Stechen, ist eine schwierige und sensible Arbeit, die man lange und gut üben muss. Anders als beim Erdbeerpflücken oder der Weinlese beherrscht man diese Handarbeit nicht nach einer 30- minütigen Einschulung. Gute Arbeiter brauchen 4 bis 6 Wochen bis sie so routiniert sind, dass sie nur noch wenige Stangen pro Tag beschädigen und 95 % unbeschädigte Stangen in den Erntekorb legen. Es Bedarf viel Können, dabei nicht die eng daneben liegenden noch kleineren Stangen oder gar den Wurzelstock zu beschädigen. Erst wenn man das kann, kommt die Kür – die Steigerung der Erntegeschwindigkeit. In den ersten zwei Wochen schaffen talentierte Helfer 25 bis 40 % gute Ware in den Erntekorb zu bringen, und das mit einer Geschwindigkeit, die sie phasenweise selbst frustriert. Dabei erkennen viele, dass sie in den ersten Tagen nicht einmal den eigenen Stundenlohn erwirtschaften … Und zu guter Letzt kommt durch ungelernte Kräfte nicht nur viel beschädigter frischer Spargel zum Sortieren sondern die mehrjährige Spargelkultur ist oft auch noch nachhaltig beschädigt am Wurzelstock was sie anfällig für Krankheiten und frühzeitiges Absterben macht.

Bezahlung und betriebswirtschaftliche Fakten: Nun noch ein paar Worte zum Thema Bezahlung bzw. Wertigkeit der landwirtschaftlichen Arbeit. Viele Anfragen, die ich bei der Erntehelfersuche für einen Spargelbetrieb bekommen habe, drehten sich um das Thema Stundenlohn. So eine enorm schwere körperliche Arbeit für so wenig Lohn …

Der landwirtschaftliche Kollektivlohn – also Mindestlohn – für vollbeschäftigte Erntehelfer oder andere Hilfskräfte liegt, mit geringen Unterschieden pro Bundesland  bei 1.500,- Euro brutto. Das ist der von den Sozialpartnern – also Landwirtschaftskammer und Gewerkschaft – vereinbarte Basislohn für 40 Wochenstunden. Zweifelsohne rangiert der landwirtschaftliche Kollektivvertrag damit unter den niedrigsten in Österreich.

Ich lasse in diesem Beitrag jetzt bewusst die Hinterfragung der gesamten Thematik „Wert und Wertigkeit“ weg, obwohl sie mir unter dem Nägeln brennt. Ich betrachte jetzt nur die Tatsache, dass der Kollektivlohn jedes Jahr in dieser Größenordnung ausverhandelt wird, seine Gültigkeit hat und ich nehme dies als Grundlage für eine betriebswirtschaftliche Betrachtung.

Tausende Menschen aus osteuropäischen Ländern kommen üblicherweise für 10 Wochen Spargelstechen nach Deutschland oder Österreich. Meist gibt es in dieser sensiblen Haupterntezeit einen erhöhte Wochennormalarbeitszeit von bis zu 60 Stunden mit entsprechender Vergütung nach dem Durchrechnungszeitraum oder Akkordvereinbarungen, die den Stundenlohn entsprechend attraktiver machen. Das ist für diese Arbeitskräfte der Anreiz. In zweieinhalb sehr anstrengenden Monaten bedeutet das für sie einige Tausend Euro Verdienst. „Die normalen Spargelstecher kommen seit über 20 Jahren. Die haben eine ganz andere Stechleistung wie jemand, der das noch nie gemacht hat“, werden derzeit viele Spargelbauern aus dem Marchfeld in unterschiedlichen österr. Tageszeitungen zitiert.

Spargelbetriebe die 25 gut eingeschulte langjährige Erntehelfer für ca. 10 Wochen in der Spargelsaison beschäftigen, würden heuer mindestens die dreifache Menge an ungeschulten Mitarbeitern benötigen und trotzdem nur 40 % der verkaufbaren Menge erzielen. Das haben erste Tests und Erfahrungen seit letzter Woche auf einem Spargelhof im Marchfeld gezeigt. Dreimal so viele Leute im Feld als üblich haben letztendlich 400 Brutto-kg zum Waschen und Sortieren gebracht. Die verkaufbare Menge waren dann 120 Netto-kg. Ganz abgesehen vom Schaden an der Kultur durch falsche Behandlung …

Kurz und knapp gesagt, ist weder die Erntemenge trotz zahlreicher freiwilliger Helfer erreichbar noch ist es betriebswirtschaftlich abbildbar.

Das vorläufige Fazit: Unsere Spargelernte und wahrscheinlich auch weitere Feldarbeiten werden so heuer nicht zu bewältigen sein.

Das alles wirft viele Fragen bei mir auf:

Seit wann haben wir in Österreich die Praxis der Erntehelfer aus anderen Ländern?
Welche Geschichte haben Saisonniers in Österreich?
War Feldarbeit immer schon das Tagwerk der Armen, der Keuschler, der Sklaven, der Kriegsgefangenen oder der Taglöhner?

Welche Entwicklung bis heute hat es gegeben?
Gibt es einen Zusammenhang von Größe der Betriebe, Spezialisierung für bessere Verkaufsmöglichkeiten an den Handel, Entkoppelung der Konsumenten von der Herkunft der Lebensmittel?

Wie wirken sich unsere Lebensmittelpreise, die Globalisierung und der Druck von großen Handelsketten aus?
Wie fair kann landwirtschaftliche Produktion unter den gegebenen Rahmenbedingungen (globaler Handel, Förderwesen etc. ) überhaupt sein?

Ich freue mich auf eure Beiträge – entweder hier als Kommentar oder per Mail.

 

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