Milch ist zu billig!

Unsere Milchbauernhöfe sterben nicht weil die Konsumenten zu pflanzlichen Alternativen greifen, sondern weil die Bäuerinnen und Bauern zu wenig Geld für ihre wertvolle Milch erhalten.

Mit der knackigen Headline Kampf ums Milchregal“ wurde Ende Jänner darüber berichtet, dass die Molkereien Angst haben, dass Ihnen pflanzliche Alternativen das Geschäft wegnehmen. Unter dem Deckmäntelchen des Schutzes der Konsumenten vor Verwechslung und Fehlkäufen möchte die Milchlobby bei der EU Kommission erreichen, dass die geltende Verordnung geändert wird. Packungen von pflanzlichen Milchalternativen sollen künftig dann keine Ähnlichkeit mit Milchpackungen haben dürfen (Änderungsantrag 171). Und natürlich wird das Bauernsterben der Milchbauern ins Rennen geführt, wenn pflanzliche Alternativen überhand nehmen. Beide Argumente, Verwechslung und Bauernsterben sind grundlegend falsch. Daher habe ich ein paar  Fakten zusammengestellt.

Warum falsch? Die Liste ist lang – hier nur die drei wichtigsten Gegenargumente, warum die Behauptungen der Milchlobby nicht stimmen:

    1. Verwechslung: Nein, denn pflanzliche Alternativen sind viel teurer als Milch. Verwechslung ist daher ausgeschlossen, da wir wissen, dass Konsumenten preissensibel sind. Kein Konsument, der nicht bewusst eine solche Alternative möchte, zahlt freiwillig fast 3,- € für einen Liter Milch, wenn daneben die konventionelle Vollmilch zum Schleuderpreis von € 0,99 steht.
    2. Schutz des Konsumenten: Was ist das Problem, wenn ich zu Hause erkenne, dass ich statt Vollmilch von der Kuh einen Haferdrink (ACHTUNG nicht Hafermilch) gekauft habe? Das Getränk wird mir nicht schaden und anders als Milch, gilt Hafer nicht einmal als Allergen.
    3. Der Schutz unserer Milchbauern: Der Marktanteil für alternative Produkte beträgt in der EU derzeit 2,5 % und könnte in den nächsten 5 Jahren auf 4 % steigen. Die Milchlobby meint vor diesem Wachstumsmarkt muss man die Milchbauern schützen. Der Marktanteil ist aber so niedrig, dass Milchbauern wegen pflanzlicher Alternativprodukte nicht im großen Stil ihr Einkommen verlieren werden.

Aber genau Argument Nr. 3 – das große Milchbauernsterben – hat sich die Milchlobby als Hauptargument auf die Fahnen geheftet. Das Sterben der heimischen Milchwirtschaft, da zu viele Menschen Hafer- oder Dinkeldrink statt Kuhmilch verwenden. Dazu gibt es in Wahrheit nur eine Antwort: Bauernvertreter und Molkereien sollten sich dafür einsetzen, dass die Bauen pro Kg Milch einen höheren Preis ausbezahlt bekommen. Ein Liter Milch kostet in Österreich derzeit zwischen € 0,99 für konventionelle Vollmilch und max. € 1,39 für Bio-Heumilch. Die pflanzlichen Milchalternativen dagegen rangieren zwischen € 1,99 und € 3,59 pro Liter im Milchregal.

Milchbauern können von ihrer Arbeit kaum leben

Beinahe kein Bauer kann in Österreich nur von der Milchproduktion leben. Das Einkommen reicht einfach nicht aus, da der Milchpreis vom internationalen Markt bestimmt wird und nicht den wahren Kosten entspricht. Daher haben wir in Österreich so viele kleine Milchwirtschaften im Nebenerwerb. Denn selbst wenn sie Bio-Heumilch produzieren, also die Milch für die der höchste Preis von den Molkereien ausbezahlt wird durch diverse Bio- und Markenprojektzuschläge, „erwirtschaftet“ eine Bio-Heumilchkuh mit durchschnittlich 7.000 bis 8.000 kg Milchleistung pro Jahr nur ca. € 4.000,- Umsatz jährlich. Der durchschnittliche Bio-Heumilchbetrieb in Österreich hat 13 Milchkühe – macht also ca. € 52.000,- Umsatz im Jahr vor Steuern, Betriebsmitteln, Investitionen in den Laufstall, Tierarzt, Futtermittel etc.

Glaubt irgendwer ernsthaft, dass man von solch einem Umsatzerlös eine Familie ernähren kann? Wundert sich jetzt noch wer, warum die kleinen Bergbauernhöfe fast alle nur noch im Nebenerwerb überleben können? Oder warum manche Bauern sich für die konventionelle, industrielle Massenproduktion mit möglichst vielen Tieren sowie extrem hoher Milchleistung von bis zu 12.000 kg pro Kuh und Jahr entscheiden. Auch wenn in dieser Produktion der Milchpreis dann pro kg ohne Zuschläge auf den konventionellen Standardpreis von ca. 30 Cent fällt.

Pflanzliche Milchalternativen: Wenig Getreide und ca. 90 % Wasser bringen gute Erlöse

Diesbezüglich möchte ich hinterfragen, warum pflanzliche Milchalternativen zu einem Preis von € 1,50 bis € 3,59 pro Liter verkauft werden, wenn sie doch zu 88 % bis 93 % aus Wasser bestehen? Es werden nur 7 % bis 12 % Hafer, Dinkel, Kokos oder Soja benötigt für diese „Milchen“ – alles andere ist Wasser, Enzyme, Stabilisatoren und hin und wieder etwas Pflanzenöl, Meersalz oder Zucker zur Abrundung des Geschmacks. Alles miteinander aber keine teuren Zutaten und vor allem keine Mengen, die sich zu Buche schlagen. Das bedeutet der Wareneinsatz ist minimal wodurch der Verkaufspreis hoch erscheint. Oder vielleicht auch einfach ehrlich kalkuliert, denn Kuhmilch ist defacto zu billig, wenn man sich bewusst ist, dass dafür eine Kuh das ganze Jahr über einige Hundert kg Futter und Wasser benötigt, eine tiergerechte Haltung mit Weiden und Almen, aufwendiges Melken zweimal täglich und vieles mehr. Und das alles ist in der Packung um 70 bis 150 % weniger Wert als ein paar Prozent Getreide mit 90 % Wasser. Dass die Produktion von pflanzlichen Milchalternativen wirtschaftlich sehr interessant ist, beweist nicht zuletzt, dass Österreichs größte Molkerei, Berglandmilch, unter der Marke Schärdinger zwei solcher Drinks produziert und verkauft. Interessantes Detail am Rande: Die Molkerei ist eine Genossenschaft und steht somit im Eigentum der liefernden Milchbauern …

Wann setzen sich die Bauernvertreter und Molkereien endlich für höhere Milchpreise ein?

Daher sollten sich die Bauernvertreter und Molkereien lieber dafür einsetzen, dass der Milchpreis mindestens verdoppelt wird anstelle ihre Energie und ihr Lobbying dafür zu verschwenden, dass blödsinnige Vorschriften für Verpackungen und Bezeichnungen festgeschrieben werden. Mit höheren Milchpreisen würden mehr Bauern überleben und unsere wertvolle alpine Berglandschaft durch die Beweidung ihrer Tiere erhalten.

Petition gegen die Zensur von pflanzlichen Alternativen

Die 3 Kernargumente der Milchlobby sind die wahre Irreführung der Konsumenten, nicht die Gestaltung der Packungen. Es gibt daher eine Petition, um die drohende Zensur der pflanzlichen Milchalternativen durch eine Änderung der geltenden Verordnung zu verhindern. Neben den falschen Argumenten würd eine derartige Benachteiligung von pflanzlichen Produkten auch dem (angeblichen) Bestreben der EU zu einer klimafreundlicheren Ernährung und Landwirtschaft widersprechen (Green Deal).

Zur Petition: Stoppen wir die Zensur pflanzlicher Milchalternativen

Weitere Artikel zum Thema:

Frankfurter Rundschau

The Conversation

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